Mai. Samstag 10.34 Uhr. Wolken ziehen auf. Die Vögel verstummen langsam. Seit fünf Uhr sind sie wach. So wie ich. Und doch anders. Hörend, sehend, riechend. Alles auf einmal. Hinter meinem Haus das Läuten der Kirchenglocke, über mir ein Himmel durchschnitten von Mauerseglern, der Specht in der Zeder im Garten ist wieder da. Genauso wie Türen, die im Treppenhaus zuknallen, Flugzeuge im Minutentakt, eine Biene, die sich wie jedes Jahr in der Balkontür einzunisten beginnt, Heckenschneider, die dauertelefonierende Frau im Nachbarhaus, Siegesschreie vom Sportplatz drei Straßen weiter, Windrascheln in meinem Bambus, der letzte Rabe, die Türkentauben in der Tanne gegenüber, ein Segelflieger, das brüllende Baby im Kinderwagen vor dem Hauseingang, mein Nachbar, der aus der Garage fährt, Presslufthammer von der Uni-Großbaustelle, Schulkinder, die ihre Pause oder eine Freistunde genießen, der Postbote an den Paketkästen, Klackern von Briefschlitzen, knittern von Zeitungen. 10.37 Uhr. Und immer noch viel zu viele Vögel.
Ein Kommen und Gehen. So definiert man das Leben. Ich sitze. Mittendrin, davon umgeben. Und es gibt nur einen Weg, all das zu ertragen. Ambient Sound OFF. Der zweite Knopf an meinen Kopfhörern. Der erste Knopf in meinem Alltag. Denken kann ich inzwischen nur noch in absoluter Stille. Konzentration ist nicht mehr möglich mittendrin. Hier in meiner neuen Welt des Amplified Ambient Sounds.
Unzählig oft wünschte ich mir in den letzten acht Monaten, ich könnte das Leben draußen wieder genießen. Länger als nur für ein paar Minuten. Leben, das mehr ist als aushalten, überstehen, ertragen. Im Wechsel der Tage und Jahreszeiten. Ungeschützt. Uneingeschränkt. So wie früher. Mittendrin. War ich. Sommermädchen nannten sie mich. Lebendig.
Herbst, Winter, Frühling. Jede Sekunde im Erwarten, näher am Sommererwachen, Gewitterstürmen und dem Duft von Sonnenschein auf frisch gemähtem Gras am Morgen. Eine Zeit, erfüllt von lächelnden Menschen auf den Straßen und den Klängen der Festivals am Seeufer, die der Wind in leisen Wellen zu mir trägt. Eingebettet in der Schwüle der Stadt, die kommt, bleibt und endet, wo sie beginnt. Im feuchten Atem des Sees. So oft quälend, ermüdend, nachtschlafraubend. Hier im Kesseltal. Und doch. Ich will mich ergeben. Mehr denn je. Dem Aufkeimen neuen Lebens nach einem Winter, der nicht zu Ende gehen wollte, und einem Frühling, der keiner war.
Hungernd warten alle, wir. Mit mir. Auf das Angrillen, den Geruch von Kohle und Bratwürstchen, Sonnencremeduft in der Luft, das Spielen und Picknicken auf der Chinawiese, Sonntagsausflüge im Zug. Vorbei an rasend stürzenden Bergfluten, im Tal folgend dem sanften Fluss der Gletschermilch. Lachend mit Freunden, Verwandten. Leben in Fülle. Hinaus aus der dunklen, vor Regen schützenden Höhle und wärmenden Hüllen. Hinein ins erblühende Grün ferner Weiden, lagernd an blau-türkisen Bergseen. All dies geschieht weit weg von dem Ort, an dem ich warte, wünsche, bin. Dem Sommer in mir, der dieses Jahr keiner zu werden scheint.
Ich glaubte nach dem letzten Crash, das Schlimmste sei überstanden. Als ich am See die Geräusche, Sonnenstrahlen und Gerüche ertragen konnte, ohne dass mein Körper rebelliert. Bis ich wieder zu arbeiten begann. Kurz danach. Und aus dem Es-wird-besser ein Schlimmer-denn-je wurde. Nach allem, was mich bereits begleitet hat, lebe ich nun in einer geräuschlosen Welt voll schmerzend fordernder Töne. Mit einer akustischen Belastungsgrenze, die gefühlt immer bis zum Anschlag ausgereizt ist. Zehn von zehn. Das Einzige, was ich dagegen tun kann. Filtern, abgrenzen, ausschließen, nicht zulassen. Geduld suchen. Verlieren. Wiederfinden. Durchhalten. Weiterkämpfen. Und dennoch immer noch weit entfernt sein vom Heilen.
Mehr als ein halbes Jahr setze ich bereits alles daran, damit wenigstens meine Kraft etwas zurückkehrt und bleibt. Mit Erfolg. Ein kurzes Aufatmen machte die Runde. Jetzt geht es mit ihr bergauf. Das Leben kehrt zurück. Endlich vorbei diese ganze Negativität. Ein schnell getroffenes Urteil von denen, die sich nicht sorgen müssen. Denen, die den Alltag mit dieser Krankheit nicht durchleben.
Jammeri nennen einige Schweizer uns hier. Uns, die Deutschen. Sicher auch mich. Weil das, was ich über meinen Zustand offen kommuniziere und teile, in den Augen vieler wohl einfach nur Gejammer ist. Geräuschempfindlich bist du? Na, setz halt Ohrenstöpsel ein oder Kopfhörer auf, dann geht das schon. Einfach Ohren zu und durch. Stöpsel rein, Kopfhörer auf. Schnell gesagt. Schnell getan. Langsam, aber beständig gescheitert. Weiß ich. Jetzt, nachdem ich drei Monate in diesem Dauerzustand lebe. Geräuschempfindlichkeit durch Long Covid ist mehr als etwas, das mit reiner Vermeidung des Übels zu beheben wäre. Mein neues Hören der Welt ist, als würde jedes einzelne Geräusch durch einen Lautsprecher in meine Ohren dringen. Ausnahmslos und vor allem ALLE auf einmal. Und vom Vogelgezwitscher bis zum Presslufthammer gibt’s wahrlich eine Menge zu erleben …
Alle Geräusche im Lautstärkespektrum dazwischen finden seit dem heftigen Crash im Februar in voller Bandbreite komprimiert und vielfach potenziert als Standardbeschallung statt. Selbst das Herunterschlucken meiner Spucke wird knackend zum nervlichen Drahtseilakt zwischen Verzweiflung und Zusammenbruch. Zehn Zentimeter höher und nahezu gleichzeitig verwandelt sich mein Gehirn, und insbesondere mein Frontallappen, zu einem halbfeuchten Frotteehandtuch, das ohne Unterlass kraftvoll ausgewrungen wird. Spätestens dann ist es zu spät. Weil ich weiß, dass ich bald nicht mehr bin als die Gefangene eines Strudels expandierender Verspannung, dumpfem Schädelpochen und reißender Schmerzen.
Mir bleibt nichts weiter übrig, als dabei zuzuschauen, wie sich ihr Echo Sekunde um Sekunde in zähen Kaskaden und scheinbar freudiger Erwartung auf 170 cm, die ich bin, verteilt. Bis mein Körper AUSZEIT schreit. Ich höre ihn. Machen kann ich gegen die Symptome jedoch nichts. Nur hoffen, dass es vorübergeht. Woher es kommt, kann mir keiner sagen. Ob es irgendwann wieder verschwindet, auch nicht. Leben muss ich halt damit. Das ist die eine Welt. Die, in der ich die einfachsten Dinge nicht mehr begreifen, lesen, klarsehen und schon gar nicht miteinander verbinden kann, wenn gefühlt alles zu laut um mich herum ist.
Die andere Welt ist die, in der ich Pausen brauche von der Stille hinter dem schützenden Plastik in und um meine Ohren. Die, in der ich meine sichere Zone verlassen MUSS, weil es zu lange zu ruhig um mich herum war. Dorthin, wo bereits eine ganze Tinnitus-Familie auf mich wartet. An diesem Ort heißt es: alles auf Anfang. Hinaus aus der Flucht ins Hin und Her zwischen ON und OFF. Hinein in einen fiependen, ungeschützten Raum, in dem ich ebenfalls bereits nach wenigen Minuten Namen und Worte vergesse und jedes Lied, das ich während dieser „Verschnaufpause“ zufällig aufschnappe, wochenlang in meinem Kopf behalte.
Und auch wenn Ohrenstöpsel in allen Räumen meiner Wohnung liegen, sie in jeder Jacke, jedem Mantel und jeder Tasche zu finden sind, ist selbst das manchmal zu wenig.
Wenn mein Nachbarskind ihre Klavierübungen macht und ich nicht schnell genug meine Kopfhörer aufsetzen kann, um mich vollkommen abzuschotten, bin ich wochenlang verirrt im Ohrwurm-Flohwalzer auf Amphetamin, den ersten stolpernden Schritten für Elise und vergleichbar eingängigen Fingerübungen, um dem Drunken Sailor in the Morning aus seiner Misere zu helfen oder einen Happy Birthday zu feiern.
Was mich früher zum Lächeln brachte, bleibt nun kompromisslos anstrengend als zerrissene Wort- und Tonfetzen in meinem Kopf hängen. Ein Lied oder zwei, manchmal drei. Drängen sich in meine Erinnerung. Tags. Nachts. Immer. Im Denken, im Einschlafen, im Träumen. Aufwachen. Nichts kommt dagegen an. Ich bin wie eine Festplatte, gefangen in einer EndlosBackUpSchleife. Reset. Reset. Reset. Versuche ich. Will ich. Aufhören zu jammern, soll ich. Würde ich.
Schmerzen und ein Leben in aufgezwungener Stille hören leider nicht einfach auf, nur weil man beschließt, wieder gesund sein zu WOLLEN. Wo solche Wünsche sich einen Weg an die Oberfläche bahnen, wartet Long Covid bereits mit seinem RumdumSorgenvollPaket im WunschlosUnglücklichProgramm. Rotzfrech. Spuckt es dir mitten ins Gesicht. Jeden Tag aufs Neue. Nimm, was du von mir bekommst. Etwas anderes ist nicht drin. Es ist mir egal, ob du dich immer weiter zurückziehst. Zurückziehen musst. Es ist nicht mein Leben. Mir geht’s in dir prima. Kampfansage! Battle accepted. Stöpsel in die Ohren. Kopfhörer auf. Startschuss zu einer weiteren Reise auf der Achterbahn. Denn was an einer Stelle unterdrückt wird, beginnt an anderer Stelle sich weiterzuentwickeln. Sehen, schmecken, riechen, fühlen. Los meine Sinne. Zeigt, was ihr könnt! Geräusche OFF heißt nicht Entspannung ON. Leben ist für mich Dauerstress. Trotz und wegen schwindelerregendem Rauschen von Noise Cancelling und Ohrenstöpseln. Draußen, drinnen, mittendrin wird zum sensorischen Overkill. Während dem Gehen, irgendwo Stehen oder einfach nur sitzend auf meinem Balkon.
Vorbei, verweht der Duftrest vom Sonntagsbraten, Abgasschwaden und feuchter Regenerde. Begleitet von grünerem Grün, mehr Blättern als sonst, gefühlt jeder Grashalm streckt sich mir entgegen. Spinnweben, Pollenspuren, Tannennadelspitzen. Mückenschwärme, Blätterwirbel, Wolkenberge. Tief hinein ins Grauweißblau des Himmels versinken möchte ich. Das Draußen zwingt mich stattdessen nach drinnen. Tür zu. Rollos runter. Augen schließen. Warten. Dass es aufhört. Jetzt und endgültig. Wie lange noch?
Die Zeit verstreicht, zwei Schritte vor, drei zurück. Ich bewege mich weiter. So schnell es eben geht. Beständig. Stromaufwärts. Gegen den aufgezwungenen Stillstand. Zurück zur Quelle meiner Kraft. So ist der Plan. Den Erwartungen der meisten Menschen, die mir auf diesem Weg begegnen, werde ich dennoch nicht gerecht.
„Sehr viel Geduld werden Sie brauchen.“ So weit entfernt dieser Satz und doch drängt er sich wieder und wieder in mein Bewusstsein. Muss nur ich Geduld haben oder darf ich auch Geduld mit mir erwarten? Verlange ich zu viel, wenn ich mir wünsche, dass man Verständnis für meinen Zustand hat. Oder alle paar Wochen mal schreibt und nachfragt, was für Fortschritte es gibt? Ob ich etwas brauche? Ist es wirklich so schwer, Geduld zu finden und dadurch in einer lebensverändernden und fordernden Zeit für einen Mitmenschen da zu sein? Ich frage mich viel. Vielleicht manchmal zu viel. Schließlich habe ich genug Zeit, mir Fragen zu stellen. In der Zeit ohne sie. Ohne die, die da waren, als es mir noch besser ging. Damals. Letztes Jahr um diese Zeit. So unglaublich weit weg. Als wäre es ein anderes Leben, eine andere Existenz, von der wir sprechen.
Doch was soll ich noch alles tun? Damit es mir endlich besser geht. Damit ich endlich wieder „NORMAL“ werde. Wie viel mehr soll ich noch aus meinem Leben streichen? Was bleibt dann übrig? Antworten bekomme ich keine. „Mühsam ist’s mit der“ ist das Einzige, was ich höre. Auch wenn es keiner zu sagen wagt. Sehen kann ich noch recht gut. Genervtes Augenrollen ist eine universelle Sprache. Mein Rückzug und Abschottung lindern die Lautstärke. Und das Augenrollen. Die ermüdeten Blicke. Das ungeduldige Schnaufen, gefolgt von verlegenem Schweigen. Am besten zügig das Thema wechseln. Zu langsam, um nicht zu merken, was zwischen uns steht. Ich bin zu viel und doch zu wenig. Oder zu wenig von vielem in diesem neuen Dasein mit zu viel Anstrengendem von allem. Und werde offensichtlich nicht schnell genug wieder fröhlich und gesund. Für meine Außenwelt. Die Fremde und die Bekannte.
…
Ich glaubte, Transparenz und Offenheit würden Verständnis und Geduld erwirken. Ich glaubte, es würde mich schützen. Vor dem, was eine chronische Krankheit als Beifang hinter sich herzieht. Dass Verständnis und Geduld im Außen nach einer Weile versiegen. Bei Kunden, Bekannten und denen, die sich Freunde nannten. Inzwischen gilt, Hauptsache eilig von ihr fort. Oder am besten gar nicht erst kontaktieren. Begegnungen von Stille zu Schweigen.
Das, was in unserer Welt als Geduld angepriesen, ist anscheinend nur zu finden, wenn man schweigsamer wird, sein Leiden unterdrückt, vergisst, dass man ein Mensch und keine Maschine ist. Wenn das, was geschieht, unsichtbar bleibt. Klartext: unter Freunden. Wenn man keine Geduld bekommt, sondern geduldet wird. Gleiche Buchstaben, ansonsten andere Baustelle.
Ich bin wohl falsch in einer Welt, die nicht mit der bitteren Realität des Lebens umzugehen weiß. Verlorene in einem Mikrokosmos, erbaut auf hedonistischen Idealen von EwigHarmonie und Dauerlächeln als Zuckerguss für Scheißeberge. Wo Kranksein nur eine Ausnahmeerscheinung mit ausschlafen, Netflix, etwas Zwieback und Pflege bedeutet. Nach ein paar Tagen und der obligatorischen Gute-Besserung-SMS überstanden. Abgetan. Gibt’s mit Long Covid leider nicht. Diese Krankheit verändert sich. Diese Krankheit verändert dich. Man wird vorsichtiger, bedachter. Lebend in sehr kleinen Schritten. Ich glaubte, dieser Wandel sei durch Empathie zu ertragen. Im Erklären und Beantworten aufkommender Fragen. Meinem Wegweiser erkämpft durch Leiden und Schmerz. Ich glaubte, es würde genügen. Für sie. Für mich. Offenbar nicht. Ich glaubte. Ich irrte.
Bis heute habe ich alles stumm und lächelnd ertragen. Das Schweigen, das Hinhalten, das bemühte Vermeiden zu fragen, wie es mir geht, weil man aus Erfahrung bereits weiß, dass es keine knappe, nüchterne und erfreuliche Antwort darauf geben wird. Was auch immer ich sage, ist gefühlt falsch. „Es geht mir gut“: Ich belüge mich. „Es geht mir nicht gut“: Ich nerve dich. „Den Umständen entsprechend.“ „Kannst du dich nicht klarer ausdrücken?“ Nein, denn es wird dennoch nicht das sein, was du hören möchtest. Kurz, ehrlich und bündig. Ohne Details. So ist diese Krankheit leider nicht. Weder kurz. Noch bündig. Eher extralang und stark verziert. Mit Fransen, Bommeln, einer Menge bunter Nähte, Reißverschlüsse und etlichen Innentaschen, die, wann immer man nicht damit rechnet, Überraschendes zutage fördern.
Ich sage inzwischen oft: „Schon ein wenig besser.“ Um allen zu ersparen, was mich verletzt. „Wie schön. Das hört man gerne.“ Es beruhigt das Gewissen und entbindet von unangenehmem Nachfragen. Müssen. Das vielleicht enthüllt, was tatsächlich hinter diesen Worten steckt.
Doch wer es wirklich wissen möchte. Auch „Ein wenig besser“ heißt nicht, dass ich ein normales Leben führe. Ohne Schmerzen und große Einbußen an Lebensqualität. Es bedeutet lediglich, dass ich es geschafft habe, meine täglich notwendigen Handlungen so einzuschränken und zu koordinieren, dass ich seit fast zwei Monaten keinen schweren Crash hatte. Dass ich meine Einkäufe wieder größtenteils allein machen kann. Dass ich in der Lage bin, sechs Tage verteilt auf den Monat zu arbeiten. Es bedeutet nicht, dass ich wirklich wieder lebe. Es bedeutet nicht, dass es mir gut geht. Es heißt nur, dass ich nicht, wie die ersten sieben Monate, in stetiger Angst bin. Wird es dadurch weniger schlimm? Braucht man dadurch weniger Zuspruch und Unterstützung? Als Mensch, als Freund?
